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Fernweh

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunklen Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht (Auszug eines Goethe Gedichts)

Neulich hab ich einen Podcast gehört zum Thema, was Menschen dazu bewegt, zu reisen. Und ich habe gelernt, dass Goethe zu einer Zeit, als es noch keinen Urlaubstourismus gab, wohl einer der ersten Reisenden war und einfach mal so nach Italien abgehauen ist. Und der es mit einem kleinen Trick sogar geschafft hatte, weiterhin von seinem Chef-Herzog bezahlt zu werden. Bei Johann Wolfgang von Goethe war das allerdings eher ne kleine Flucht als ne Urlaubsreise, da es zum einen in seiner Beziehung nicht mehr so lief und sich zum andern seine künstlerische Inspiration irgendwie vom Acker gemacht hatte. Es überkam ihn dann irgendwann ein krasses Bedürfnis nach Ausbruch aus seinem Alltag, das er dann klammheimlich in die Tat umsetzte und das dazu führte, dass diese Italienreise fast zwei Jahre lang dauerte. Schon geil oder? Zwei Jahre woanders leben um neue Inspiration fürs eigene Leben zu kriegen und ganz in eine andere Kultur einzutauchen. Wir hatten für Andalusien leider nur ein halbes Jahr Zeit dafür, das uns aber auch schon echt lang vorkam. Ich könnte gerade nochmal ein Jahr dranhängen, käme mir im Moment wirklich sehr gelegen. Aber es ist schon super, dass der liebe Goothie, wie die Amis ihn gern nennen, damals auf sowas gekommen ist, denn so wurde Italien auch hierzulande bekannt und zwar auf eine Art und Weise, wie das eben nur der gute alte Johnny zu schildern wusste. Doch nun zu der Frage: Warum packt heutzutage immer mehr Leute das Fernweh? Etwa weil ihnen der Alltag zu trist und langweilig ist, weil sie auch vor irgendwas abhauen wollen oder weil sie es sich ganz einfach eben leisten können und schlicht auch mal einen auf Elon Musk machen wollen? Pauschal kann man diese Frage sicher nicht beantworten. Ich selbst habe für mein persönliches Ferweh folgende Gründe gefunden:

1. Reisen macht mich lebendig

Bei keiner anderen Aktivität (außer beim Rückenschwimmen unter blauem Himmel) fühle ich mich so genial lebendig als wenn ich an einem unbekannten Ort bin, den ich noch nie davor gesehen habe und der förmlich danach schreit, von mir entdeckt zu werden. Da kriege ich einfach immer glänzende Augen weil’s so viel Neues, Aufregendes, Unbekanntes, das einfach hochinteressant ist, gibt. Andere nervt sowas vielleicht auch manchmal oder schüchtert sie gar ein, mich fasziniert es unglaublich! Erinnert mich stark an meine Kindheit, wo dieses Gefühl des neugierigen Entdeckens eines der vorherrschenden war. Je länger man bereits in diesem Leben verweilt, desto seltener kommt es doch vor, irgendwie logisch, dass einem etwas völlig Unbekanntes begegnet. Na klar, das gibt es schon noch, doch sehr viel seltener würde ich mal behaupten, da man eben schon so viel erlebt und gesehen hat. Und da ich, beziehungsweise die ganze Sturm Family, zu jenen gehört, denen allzu Vertrautes mit der Zeit durchaus auch mal auf den Geist geht, selbst wenn‘s schön ist, brauchen wir regelmäßig immer wieder mal ein kleines Reise-Abenteuer, Abwechslung und irgendwas völlig Neues direkt vor unserer Nase. Eine kleine Horizonterweiterung sozusagen, aber bitte nicht nur mental sondern auch möglichst zum Greifen, Fühlen und Erleben. Daher käme für uns auch nie in Frage, zweimal am selben Ort Urlaub zu machen, selbst wenns mal wo noch so schön war, wir brauchen die Abwechslung halt wie die Luft zum Atmen.

2. Reisen zeigt, es gibt noch mehr

Wer reist sieht, wie andere Leute ihr Leben auf kreative Weise gestalten, es sich gut gehen lassen und was man so alles anstellen kann mit seinem Leben kann, wenn man sich Zeit nimmt zum kreativ Werden und Genießen.. Man kann sich viel Inspiration aus anderen Kulturen holen und kommt auf Dinge, auf die man nie vorher gekommen wäre. Aber wird andererseits auch manchmal dankbarer für sein eigenes Leben, wenn man sieht, was woanders schwieriger ist als zuhause oder wo Lebensumstände deutlich weniger luxuriös sind als gewohnt und wo trotzdem nicht ständig deswegen rumgejammert wird. Daher verbringen wir auch unsere Urlaube nie ausschließlich in typischen Touri Ecken, die wir uns zwar schon auch angucken, zumindest die schönen und nicht so überlaufenen, wohnen jedoch möglichst nicht auch noch dort, sondern lieber da, wo es noch etwas von der ursprünglichen Landeskultur zu erleben und vorwiegend Einheimische anzutreffen gibt. Das ist zwar auf Campingplätzen, unseren bisherigen Urlaubslocations, auch nicht immer gegeben, doch zumindest oft besser möglich, als in irgendwelchen „Anlagen Ghettos“, die extra für uns Urlaubs-Ausländer hochgezogen wurden und wo sogar auf den Speisekarten alles noch schön auch auf Deutsch übersetzt steht. Dieses Jahr wollten wir ja eigentlich nur zu zweit bisschen mit dem Womo rumtingeln, da Lynie und Marty in die USA wollten. Daraus wurde aber ja leider bekanntlich doch nix wegen Corona. Marty ist dann eben mit einem Kumpel nach Schweden abgedüst zu einem ganz idyllisch im Wald und an einem See gelegenen Holzhäuschen, das den Großeltern des Kumpels gehört. Nick, der Arme, muss arbeiten, so ist das Leben halt manchmal. Und Lynie hat nach langer Suche auch was gefunden, das einigermaßen als Ersatz für sie taugte. Nämlich, mal wieder mit uns in einer Ferienwohnung zu wohnen und Oma Lisbeth mit von der Partie zu haben, yeah! Die hätte notfalls natürlich mit ihren 82 Jahren auch eiskalt im Womo übernachtet, da kennt die nix, doch manches muss man dieser Frau einfach verbieten, genau wie mir, ihrer Tochter 😉 Dieses Appartement, wo nur wir als Mieter wohnen werden, liegt ganz abseits in den Bergen und die Vermieter wohnen gleich nebenan, sonst gibt es rundherum nix. Wo das sein wird? In Ligurien in der Nähe von La Spezia bei den 5 wunderschönen, an Steilhänge gebauten 5 Dörfern genannt Cinque Terre. Die werden wir uns auch ansehen, na klar, aber dann auch ganz schnell wieder in eine ursprünglichere und wenig bevölkerte Gegend abhauen, wo es Erholung pur mit mindestens genauso viel Inspiration gibt. Freu mich schon wie Bolle Jey!!!

3. Ich bin da ein anderer Mensch

So ein Quatsch, denkt man vielleicht. Doch ist was dran. Du bist viel entspannter drauf ohne all deine täglichen ToDos und von ganz anderen Leuten als sonst umgeben. Die kennen dich alle nicht oder zumindest nicht so, wie du normalerweise bist. Und trotz der Tatsache, dass man sich selber immer überall hin mitnimmt, hat man im Urlaub zumindest theoretisch die Möglichkeit, sich auch mal ganz anders geben zu können als gewohnt. Selbst wenn man auch zuhause sehr authentisch lebt und sich in der Fremde nicht viel anders als sonst verhält, allein der Gedanke macht was mit dir. Also noch mehr fremde Leute anquatschen, verrückte Sachen machen, laut sein (DAS kommt in Deutschland nämlich nicht immer gut, selbst wenn’s dabei lustig zugeht). Oder einfach einen Tag lang mal ausprobieren, schüchtern und geheimnisvoll zu wirken (probiere ich seit Jahren, allerdings mit bisher mäßigem Erfolg). Im Urlaub juckt es doch keinen, für wie bescheuert du gehalten wirst und du mußt auch nicht befürchten, dass jemand was Unkonventionelles, das du gemacht hast, zu Ohren kommt, bei dem du dir deinen einigermaßen seriösen Ruf besser nicht versauen solltest. Also ich hab damit ja weniger Probleme und schreib hier auch für die, die’s interessiert, vieles von dem Zeug, das wir so anstellen, rein 😉 Doch da gibt es, das steht mal fest, schon noch so Einiges, was keiner über die Sturm Family weiß und was auch nirgends je irgendwann kommuniziert werden wird. Schwer zu glauben, ich weiß, aber stimmt. Mit dem Teil an Craziness – schönes Wort gell? – der von uns bekannt ist, sind nämlich manche schon leicht überfordert. Und wir wollen ja schließlich auch noch für voll genommen werden, da wir durchaus auch eine seriöse Seite haben. Wer würde denn schon Leute z.B. als Paar Coaches engagieren, ihnen die Kinder anvertrauen oder Seelsorger+Berater in Anspruch nehmen, die komplett durchgedreht sind? Daher sollte ich diese Tatsache vielleicht lieber nicht unerwähnt lassen…

4. Ich nehme wahr, dass ich ein Zuhause habe

Ein Zuhause ist eindeutig mehr als der Ort, an dem du wohnst. Das wird dir nie so klar, als wenn du diesen Ort mal verläßt, ihn mit Abstand aus der Ferne betrachtest um dann wieder zu ihm zurückzukehren. Das ist dann meist sowas von schön! Klar gibt’s auch Leute, die sagen, dass da ja nur ne kurze Unterbrechung sein und dann ginge der ganze Trott doch eh nur wieder von vorne los. Daher blieben sie lieber gleich da, dann wär das Zurückkommen nicht so schwer und der „Aufprall“ weicher. Weiss nicht, lieber ein kleiner Aufprall als alles wie immer oder? Selbst wenn jemand sein Zuhause als Gefängnis empfindet, wird ihm das spätestens dann klar, wenn er es mal verläßt. Ich akzeptiere schon auch, wenn manche sagen: Zuhause ist es einfach am schönsten und sich noch nie weiter als 100 Km vom Geburtsort wegbewegt haben. Aber nachvollziehen kann ich’s nur schwer. Die Sache ist natürlich anders, wenn man aus zwingenden Gründen daheim bleiben muss. Wem dies aber durchaus möglich wäre und wer es einfach aus Bequemlichkeit, Ängstlichkeit etc nie verläßt, dem entgeht einiges, finde ich. Darum haben wir beim Reisen auch wegen Corona überhaupt nix umgestellt. Ich kann also nicht damit angeben, dass ich zum Allgemeinwohl in letzter Zeit darauf (und auch auf manch anderes) freiwillig verzichtet hätte, größere Feten etc. sind eh nicht so unseres.

Und dazu stehe ich voll und ganz! Auf Konzerte musste ich verzichten, allerdings ganz sicher nicht freiwillig. Denn ich bin zutiefst davon überzeugt, dass das niemand was gebracht hätte und wir uns nur später geärgert hätten, dass wir’n schönen Urlaub verpasst haben, für die Katz. Und irgendwie sind wir ja trotzdem alle ganz gesund geblieben wobei es wiederum viele, die aus Vorsicht auf viel verzichtet haben, streifte. Kann nun jeder reininterpretieren, was er will und ja – klar war das auch Gnade. Doch ich behaupte einfach mal rein subjektiv für uns als Familie gesehen gilt auch: Wer denkt, er kriegt‘s nicht, kriegt‘s nicht. Oder anders: Wessen Gedanken vorwiegend positiv sind, der bleibt negativ. Man muss es ja nicht drauf anlegen, sich anzustecken aber auch nicht übertreiben mit Isolation, Impf-Beflissenheit & Co. Wenn man bedenkt, wie viel „Verbotenes“ wir gemacht haben, dass ich mein Maskenbefreiungsattest aktiv nutzte und selbst Micha trotz allergischem Asthma mit ebenfalls nur sehr bedingter Vorsicht nicht krank war, dann stimmt wohl schon: Der eine (obwohl kerngesund) kriegt‘s eben – der andre (obwohl theoretisch Risikogruppe) nicht.

Und weil man nie genau wissen kann, ob man nun zur einen oder anderen Gruppe gehört, kannst dir sagen, genau deshalb muss ich sehr vorsichtig sein. Oder: Wenn nicht klar ist, ob und wie stark ich überhaupt gefährdet bin/andere gefährde, lebe ich einfach soweit möglich fast normal weiter wie bisher. Dadurch erhältst du dir einen guten Level Normalität ohne dich verrückt machen oder in einen chronischen Ausnahmezustand bringen zu lassen. „Wir erleben eben gerade einen Super Gau“. Ich kann’s nicht mehr hören. Nein, tun wir nicht! Es gibt nur ein paar Dinge mehr zu beachten und gut. Ich persönlich habe das auch bei anderen Situationen im Leben immer ähnlich praktiziert und für mich festgestellt: Ausnahmezustände können niemals über längere Zeit durchgezogen werden, kostet viel zu viel Lebensenergie. Und wenn der gar zum Normalzustand wird, dann wird’s gefährlich. Bisher bin ich mit dieser Lebenseinstellung immer sehr gut gefahren und habe um mich herum soviel ich weiß auch nie ne Schneise der Verwüstung und unzählige von mir angewiderte Personen hinterlassen. Nachhause kommen hat aktuell immerhin nen weiteren Pluspunkt gekriegt: Keine Maskenpflicht. Ausnahmen: Stinkefürze, Katze hat Durchfall, aus dem Mülleimer stinkt‘s bestialisch.

5. Alltagsinventur machen

Ja, mit der Inventur ist das so ne Sache. Viele machen sowas ganz gern an Silvester, also am Ende beziehungsweise Anfang eines Jahres. Ich kriege das immer am besten im Urlaub hin, denn da hab ich den nötigen Abstand, um manches etwas objektiver betrachten zu können. Schon interessant, was man sich da immer so alles vornimmt. Und dann später nicht durchzieht. Oder auch doch. Viele richtig gute Ideen sind in unseren Urlauben oder während unseres Familiensabbaticals entstanden, für die ich heute mehr als nur ein bisschen dankbar bin!! Du kommst normalerweise einfach nicht auf Dinge, auf die du kommst, wenn du mal raus bist aus allem. Ist einfach so, Punkt. Und du siehst auch nicht dauernd, was zuhause alles noch gemacht werden müsste, sollte, oder noch schlimmer, schon schon längst hätte gemacht werden müssen… Hey und das läuft dir nach dem Urlaub garantiert nicht weg, da kannst Gift drauf nehmen. Aber wenn du es mit ein wenig Abstand wieder vor Augen hast, scheint zumindest manches gar nicht mehr sooo dringend notwenig wie erst gedacht. Weil du gelernt hast, dass du deinen Fokus auch mal auf andere Dinge richten kannst als schaffa schaffa, Häusle baua. Und dass die Welt trotzdem nicht untergeht. Ja und manches passiert irgendwann dann doch noch, wenn man fast nicht mehr damit rechnet. Zum Beispiel eine richtig schön aufgeräumte Terrasse zu bekommen ohne dort abgestellte Rasenmäher, Motorräder und dergleichen. Stattdessen dekorativ mit der weissen Hollywoodschaukel bestückt, für die es jetzt endlich wieder Platz zum Aufhängen gibt. Das ist sowas von gar nicht spießig, lediglich ein schöner Anblick. Hab ich meinem Mann auch gesagt, der weniger auf Etepetete sondern mehr auf Shabby steht und ihm die gebührende Wertschätzung für sein „Werk“ zukommen lassen. Und habe nebenbei beantragt, auch den zweiten Mülleimer noch entfernen zu dürfen. Denn der gehört meiner Ansicht nach auch nicht zwingend auf eine Terrasse, selbst wenn das zugegebenermaßen manchmal äußerst praktisch ist 😉 Wenn wir aus Italien zurück sind, kann jetzt auf dieser Schaukel mit einem Gläschen Wein oder Tässchen Kaffee entspanntes Wellness-Feeling aufkommen. Auch zuhause, claro!

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